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Salzgitter historisch: Ein Rückblick

Die Stadt Salzgitter wurde am 1. April 2017 75 Jahre alt. Ihre Geschichte ist nachhaltig durch die Rohstoffvorkommen in ihrem Gebiet -Salz und Erz- bestimmt.
Alte Salzgitter-Karte. Großbildansicht Foto: Stadt Salzgitter / Stadtarchiv

Ihren Namen verdankt sie dem Salzvorkommen in Salzgitter-Bad, die Saline bescherte dem Ort Wachstum und Bedeutung. Für die Gründung der Stadt Salzgitter vor 75 Jahren waren die Eisenerzvorkommen von maßgeblicher Bedeutung. Eisenerz wurde in dieser Region schon vor 2.000 Jahren verhüttet, doch erst ein neuartiges Verhüttungsverfahren machte die Salzgitter-Erze im Rahmen der Autarkiebestrebungen für den nationalsozialistischen Staat interessant. 1937 wurden die Reichswerke "Hermann Göring" gegründet, mit dem Ziel die Erze zu fördern, bei Watenstedt ein Hüttenwerk zu errichten und Stahl herzustellen. Franz Zobel, Heimatforscher aus Salzgitter-Bad, sah diese Entwicklung bereits 1928 voraus: "Noch ist das Bauerntum und das ihm zugehörige Gewerbe vorherrschend. Noch … Aber schon liegt über der weiten Landschaft des Salzgitter Höhenzuges das Ahnen, im Getriebe der Großindustrie zerrieben zu werden. Seine Eisenschätze sind so gewaltig, daß dieses Vorkommen das größte Deutschlands darstellt."

1937 begann der Aufbau eines gewaltigen Hüttenkomplexes bei Watenstedt. Der Arbeitskräftebedarf war enorm. Aus dem gesamten Reichsgebiet wurden -zunächst angeworben, später verschleppt und zur Arbeit gezwungen, als Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge− Arbeitskräfte in das Aufbaugebiet verbracht. Menschenverachtende Lebens- und Arbeitsbedingungen brachten tausenden den Tod, die Friedhöfe Jammertal und Westerholz legen davon Zeugnis ab und sind die eindringlichsten Erinnerungsorte in Salzgitter.

Bei Lebenstedt sollte eine Großsiedlung für mehr als 100.000 Menschen entstehen, von der sechs "Abschnitte" bis Kriegsende fertiggestellt waren. Die Bevölkerung wuchs innerhalb weniger Jahre von 20.000 auf mehr als 100.000 Menschen an. Im Süden des späteren Stadtgebietes entstanden in der Nähe der Erzgruben Siedlungen für die Bergleute, die meisten Arbeitskräfte lebten jedoch in Barackenlagern.

Die Reichswerke drängten auf eine kommunale Neugestaltung des Aufbaugebietes, die verwaltungsmäßigen Schwierigkeiten mit der Vielzahl von Orten, die im Süden dem Preußischen Landkreis Goslar und im Norden dem Braunschweigischen Landkreis Wolfenbüttel angehörten, machten sich aufbauhemmend bemerkbar. Unterschiedliche Bauordnungen, Bestimmungen und Vorschriften und eine in den kleinen Orten überforderte Gemeindeverwaltung −nur der 1926 zur Stadt erhobene Ort Salzgitter im Süden hatte eine kleine städtische Verwaltung− führten zu Verzögerungen. So wurde zum 1. April 1942 ein Verwaltungsakt vollzogen, der 28 Ortschaften der Landkreise Wolfenbüttel und Goslar, darunter die kleine Salzstadt, zur kreisfreien Stadt "Watenstedt-Salzgitter" zusammenschloss.

Als Produkt des NS-Regimes zerfiel der Reichswerke-Konzern mit Kriegsende. Das Hüttenwerk in Salzgitter, nun losgelöst von den ehemals dazugehörenden Unternehmungen in Österreich, der Tschechoslowakei und Oberschlesien, hatte 1945 eine Jahreskapazität von 1 Mio. t Roheisen und 1,5 Mio. t Rohstahl. Entsprechend dem zunächst geltenden Besatzungsrecht unterstanden die Reichswerke der strengen Kontrolle der britischen Militärregierung und einer Treuhandverwaltung.

Nach der Stilllegung durch die Militärregierung setzten bald die Demontage- und Demilitarisierungsmaßnahmen ein. Die gesamte Rohwalzstahlkapazität und 75 % der Roheisenkapazität gingen verloren. Von zwölf Hochöfen blieben zwei, dazu die Hauptwerkstatt, einige Hilfsbetriebe, vier Batterien einer Kokerei, Aufbereitungsanlagen und ein Wasserwerk; eine der technisch modernsten Anlagen zur Stahlerzeugung lag brach.

Nach dem Petersberger Abkommen und nach heftigem Widerstand der Arbeiter in Salzgitter gegen die Demilitarisierungsmaßnahmen, die einen späteren Wiederaufbau des Hüttenwerks unmöglich gemacht hätten, wurde die Demontage eingestellt. Seit 2015 erinnert eine Gedenkstele am Rathaus an das Ende der Demontage des Hüttenwerks und würdigt den Widerstandskampf von Belegschaft, Betriebsrat, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und Bevölkerung gegen den Abbau der Industrieanlagen. Ab 1951 begann der Wiederaufbau der Werke, die 1953 aus der Kontrolle der Militärregierung entlassen wurden.

Mit den Worten "Ich glaube, dass Salzgitter nun eine große Zukunft hat" gab Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27. Juni 1953 das Zeichen zum Abstich des Siemens-Martin-Ofens im wiedererrichteten Stahlwerk des Hüttenwerkes, das damit seiner Bestimmung übergeben wurde. Vor 5.500 Arbeitern und zahlreichen Vertretern von Bund und Land sprach der Kanzler die Hoffnung aus, dass Salzgitter sich zu einem "zweiten Ruhrgebiet" entwickeln möge.

Das Monument zur Stadtgeschichte in der Lebenstedter Innenstadt, geschaffen von Jürgen Weber, stellt bildhaft die jüngere Geschichte Salzgitters dar: Der untere Block, in Bronze, zeigt in einem Bild die Erzförderung, die anderen drei Flächen des Kubus in bewegenden Bildern Szenen zur Zwangsarbeit, die historisch überliefert sind. Darüber erhebt sich in weißem Marmor die Industrielandschaft Salzgitters. Der folgende Block thematisiert Flucht und Vertreibung, Demontage und Widerstand. Über dem Bild der heutigen Stahlproduktion erhebt sich als Abschluss die Figur eines Probenehmers.

Bei Kriegsende war Watenstedt-Salzgitter noch keine wirkliche Stadt und ihr Weiterbestehen war keineswegs sicher: Es fehlten Wohnraum, Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Kirchen, Kultureinrichtungen, ein Rathaus, ein Bahnhof und andere städtische und wirtschaftliche Einrichtungen. Bezeichnungen wie "Präriestadt" oder "Torso" manifestierten sich. Doch hier begann auch eine großartige Aufbauleistung. Der Kampf gegen die Demontage und für den Erhalt der Stadt war identitätsstiftend, die Probleme, die die Bürger und ihre Repräsentanten zu bewältigen hatten, waren größer als in gewachsenen Städten. Alteingesessene, Hiergebliebene, Flüchtlinge und Vertriebene bildeten die Bevölkerung der Stadt, 1950 zählten 32.000 Menschen zur letztgenannten Gruppe, davon die Hälfte Schlesier.

Das Jahr 1951 gilt als das der "Zweiten Stadtgründung". Die Unterstützung durch den Bund in Form der "Bundesdrucksache 1220" gewährte bis 1961 rund 39 Millionen DM für den Aufbau einer kommunalen Infrastruktur und machte den Bau der fehlenden Einrichtungen möglich. Und es gab eine weitere Zäsur: Aus Watenstedt-Salzgitter wurde Salzgitter und die Stadt erhielt ein Wappen. Der "Torso" wurde zur "jungen Stadt", zur "Stadt der Jugend".

Der Flächennutzungsplan von 1954 für Salzgitter schrieb Lebenstedt als das Zentrum der Stadt fest, das sich mit seinen Bauten nach Westen entwickeln sollte und folgte somit den alten Planungen. Für die Planung des künftigen Stadtzentrums wurde 1953 ein Wettbewerb ausgeschrieben. Der preisgekrönte Entwurf von Dr. Ing. Müller und Dipl.-Ing. Gerhard J. Urmoneit wurde Richtlinie für die zukünftige städtebauliche Entwicklung Lebenstedts. Er sah für den gesamten freien Raum zwischen Alt-Lebenstedt und den fertigen Abschnitten eine konzentrierte Stadtkernbildung vor. Der Bau der City wurde 1957 begonnen. Auf einer Fläche von 11 ha waren 35.000 m² Verkaufsfläche geplant.

Bei den Beratungen um die Niedersächsische Gebiets- und Verwaltungsreform ab Mitte der 1960er Jahre stand die Existenz Salzgitters noch einmal auf dem Prüfstand, doch die Stadt ging 1974 konsolidiert aus der Neugliederung hervor: Die Gemeinden Sauingen und Üfingen wurden nach Salzgitter eingegliedert, seit dem 31. März 1974 besteht die Stadt aus 31 Stadtteilen, die in sieben Ortschaften zusammengefasst sind.

Salzgitter präsentiert sich heute als Stadt der Kontraste: Jahrhundertealte Dörfer mit beeindruckenden Fachwerkbauten, Kirchen, Klöstern und Burgen inmitten neuer Siedlungen und mächtiger Industrieanlagen. Die Stadt ist vieles zugleich: Ort mit Sole-Kurbetrieb, idyllische Landschaft, Großstadt mit vielfältigen Kultur- und Sport-Angeboten und drittgrößter Industriestandort Niedersachsens.

Dienstag, 08.08.2017